Doodle zerlegt, neu zusammengeschraubt
Freitag, 28. November 2008
Vielleicht haben Sie als Kind auch mit Meccano gespielt, dieser wilden Ansammlung von gelochten Metallstreifen, Stangen, Zahnrädern, Schrauben und Muttern – alles sehr steif. Bis Sie begriffen, dass genau das der Punkt war und in tagelanger Kleinarbeit den Eifelturm (mit Lift!), einen Kran, ein Auto nachgebaut haben. Modelle wie den fernsteuerbaren Tuning RC mit eingebautem Sound System und MP3-Player-Anschluss gab es damals allerdings noch nicht, sonst wären wir vielleicht doch noch richtige Ingenieure geworden.
An die glücklichen Zeiten mit Schrauben, Stangen und Lochstreifen haben wir uns erinnert, als es darum ging, dem weltweit führenden Terminplaner Doodle eine neue Benutzerschnittstelle zu verleihen. Doodle ermöglicht es, mit ein paar Mausklicks das geeignete Datum für Gruppenanlässe zu finden, sei es eine Telefonkonferenz, ein Meeting oder ein Volleyballtraining. Doodle, wie wir es kannten, war vor allem eins – effizient. Bei der Ästhetik schieden sich die Geister. Wie verbessert man eine Applikation, die ganz offensichtlich sehr gut funktioniert und deren Traffic Woche für Woche stetig steigt? Never change a working system?
Doodle ist 2003 entstanden und wurde seither den stets neuen Anforderungen der stark wachsenden Nutzerbasis angepasst, Informationsarchitektur, Benutzerschnittstelle und Markenidentität haben jedoch nie eine grundlegende Überarbeitung erfahren. Neu eingeführte Komfortfunktionen wurden von den Nutzern kaum gesehen und es gab bekannte Usability-Hürden, an denen die Terminplanung gelegentlich scheiterte. Dennoch war allen von Anfang an klar, dass dieses Projekt mit Vorsicht, Respekt vor dem bereits erreichten und mit einem besonders starken Fokus auf die Usability anzugehen war. In weiser Voraussicht hatten die Verantwortlichen bei Doodle bereits im Vorfeld die Usability-Spezialisten von e&t ins Boot geholt. Erste Designskizzen von iA wurden während eines Testtages im Usability-Lab zusammen mit der bestehenden Doodle-Website auf die Probe gestellt. Es galt, bestehende Usabilityhürden zu entdecken, das funktionale Verbesserungspotential durch neue Konzepte abzuschätzen und daraus eine entsprechende Markenidentität zu entwickeln.
Die Tests zeigten eine Reihe offensichtlicher Verbesserungspunkte auf, einige waren von Anfang an klar, einige gehörten in die Kategorie „das habe ich noch fast geahnt“, es gab aber auch eine grosse Überraschung: iA hatte probehalber eine Variante der Kalenderdarstellung vorgeschlagen, die sich an der Darstellung in Kalenderapplikationen wie MS-Outlook, iCal oder dem Kalender von Google orientierte und sich bei Konkurrenzanbietern, aber auch in anderen Kontexten als de-facto- standard etabliert zu haben schien. Der Einsatz einer solchen Kalenderdarstellung für die Terminplanung auf Doodle scheiterte im Usability-Lab eindrücklich. Für die meisten Testpersonen war diese Darstellung ein regelrechter „Killer“, der sie daran hinderte, erfolgreich eine Terminumfrage zu erstellen. Für uns war es ein Beweis dafür, dass seriöses Usabilitytesting nach wie vor unabdingbar ist.Der „Kalender-Vorfall“ war uns eine Lehre und so liessen wir die verrückten Ideen bei Seite und begannen mit dem Meccano: 27 Wireframes (Seitenmodelle) wurden erstellt, 3 Designlinien und später 9 Grunddesigns, stets unter den kritischen Blicken der Experten bei e&t und der Kenner bei Doodle. Um jeden Button, jedes Icon, jede Textlänge und jeden Textrahmen wurde gefeilscht, hier ein Winkel um 3° verschoben, dort eine Schraube festgedreht, bis er schliesslich stand, unser Eifelturm (mit Lift!), oder eben das sanft renovierte Doodle.
Mit dem Redesign wurde die Basis gelegt für die weitere Entwicklung von Doodle und die effiziente Integration von Online-Werbung, dem ökonomischen Standbein der Plattform. Doodle kann heute in 25 Sprachen benutzt werden, monatlich greifen über zwei Millionen Nutzer weltweit auf den patenten Terminplaner aus der Schweiz zu.