Elvis und das Gegenteil

Fred, ein 14-jähriger Video-Blogger hat’s irgendwie geschafft, eine Fangemeinde von 45 Millionen Usern um sich zu scharen. Statt das Phänomen Fred zu analysieren und zu verstehen, versuchen die Vermarktungs- und Internet-Onkel den surrealen Triumph des Teenagers klein zu reden. Zeit, den Onkels eine gute alte Platte vorzuspielen:

Nur damit das klar ist: Fred ist kein Elvis. Fred ist eine einzige grauenhafte Nervensäge. Als Erwachsener muss man sich richtiggehend zwingen, ihm mehr als 10 Sekunden zuzusehen, ein ganzes Video wird zu einer schrecklichen Tortur. Trotzdem fasziniert die mathematische Ungeheuerlichkeit seines Erfolgs und wirft die Frage auf: Was macht er richtig, was machen wir falsch?

Denn: 45 Millionen Benutzer! Im Internet hat man damit definitv das Nirvana erreicht. Fred hat mehr “Leser” als die New York Times.

Scoble schmollt

Robert Scoble ist sonst immer der erste, der dem letzten Hype nachrennt und ihn durchanalysiert; nicht so mit dem Fred-Phänomen; statt dass er versucht, dem Phänomen Fred auf die Spur zu kommen, spielt er es herunter:

“Dahin kommt man, wenn man einfach nur versucht, unterhaltsam zu sein. Falls Sie es sich zum Ziel gemacht haben, Traffic zu generieren, dann ist das die Formel: Machen Sie was richtig Dummes, das die Leute zum lachen bringt.” (”This is what happens when you try to simply be entertaining. If traffic is your goal, here’s the formula. Do something really stupid that’ll make people laugh.”)

Lieber Robert, keiner bannt 45 Millionen Nutzer, nur weil er den Kasper macht. Ziemlich genau 99.9% aller Video-Blogger stellen sich dumm, tun dumm, oder sind dumm, und die allermeisten werden links liegen gelassen. Irgendwas macht der Fred da richtig. Und, lieber Robert, nimm mir das jetzt bitte nicht übel, aber wir Tech-Blogger führen uns doch oft selber recht dumm auf. Und, lieber Robert, auch unsere geliebte Leser sind nicht alles Leuchten, viele gehören zu einer Gruppe weltmeisterlicher Klugscheisser, die Freds Publikum in nichts nachstehen. Kurz und gut, wir haben keinen Grund uns vor Fred derart in Pose zu werfen:

“Und Ich? I werde weiterhin ein paar tausend Leute bei der Stange halten, Leute, die mit Leib und Seele von innovativen Technologen und anderen Leadern lernen möchten. Warum nicht im Traffic-Rennen mitmachen? Weil ich lieber im Rennen um ein schlaues, fokussiertes Publikum mitmache.” (”Me? I’ll stick with having a few thousand people passionate about learning more from innovative technologists and other leaders. Why not get into the traffic race? Because I’d rather be in the race for a smart, focused audience. That’s where the real action is.”)

Die Frage ist ja weniger, wer wichtiger, schlauer oder cooler ist, Robert. Die Frage ist: Wie macht Fred das? Warum kriegt ein Bub der sich anstellt wie ein hysterisches Mädchen so viel Aufmerksamkeit. 45 Millionen, lieber Robert. 45 surreale Millionen Leser.

Was Seth Godin meint

Seth Godin der sonst nie in Verlegenheit gerät, wenn es darum geht, den Erfolg oder Misserfolg dieses oder jenes Produktes zu erklären, weiss auch nicht mehr. Er spannt mit Robert Scoble zusammen:

“da wir nun verstehen, dass ‘wie viele’ nicht einmal annähernd so wertvoll wie ‘wer’ ist, wieso sollten wir diese Erkenntnis nicht in die Tat umsetzen? Nun, nur weil etwas einfach messbar ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es wichtig ist.” (”since you realize that ‘how many’ is not nearly as valuable as ‘who’, why not put that into practice? Just because something is easy to measure doesn’t mean it’s important.”)

Falls Aufmerksamkeit alleine nichts bringt, dann sind wir im Mediengeschäft alle auf dem falschen Dampfer. Das Medienbusiness ein ein einziger Aufmerksamkeitszirkus, und spätestens seit Elvis sich in den berühmten goldenen Anzug gestürzt hat, wissen wir doch: 50 Million Fans können sich nicht irren. Zugegeben: Wer es nicht hinkriegt, ein klar definiertes Zielpublikum von 50 Millionen Lesern zu monetarisieren, ist ein Depp.

Fred hat da, so viel ich sehe, keine grösseren Probleme. Sein Zielpublikum ist klar definiert. Teenager. Teenager kaufen viel teures Zeug, sind also eine wunderbare Kundengruppe. Fred muss sich nun einfach überlegen, was er seinen Zuschauern verkauft (er hat im Übrigen schon einen Vertrag mit Zipit!). Falls er es versteht, die Gelegenheit beim Schopf zu packen, kann er über Nacht zum Millionär werden.

Nicht “einfach nur blöd”

Okay, also, nochmals von vorne. Warum in aller Welt ist der Junge so erfolgreich mit seinen hysterischen Filmchen? Ich weiss es ehrlich gesagt auch nicht genau. Aber soviel ist klar: Er tut das Gegenteil dessen, was Buben in seinem Alter normalerweise versuchen. Er macht sich nach Strich und Faden lächerlich, kreischt und plärrt wie ein Mädchen, stellt sich aggressiv bloss, schneidet saudumme völlig unwitzige Fratzen. Er treibt diese Anti-Coolness so weit, dass das Zuschauen zur Tortur wird. Und das ist genau der Punkt. Er ist nicht “einfach nur blöd”, er gibt sich bewusst der Lächerlichkeit preis, und zwar mit einer Schamlosigkeit, die ans Phänomenal-Skrupellose grenzt. Mit anderen Worten: Er braucht den “Gegenteil-Trick”. Der “Gegenteil-Trick” funktioniert so:

Der Gegenteil-Trick ist eine Strategie, der eigenen Angst zu begegnen, indem man absichtlich in sie hinein rennt. Fred führt den Teenagern ihre schlimmsten Ängste vor Augen und erlaubt ihnen dadurch sich lachend davon zu befreien. Erwachsene können das nicht richtig nachvollziehen, weil bei uns ja die Angst lächerlich zu sein, seit einiger Zeit ja nicht mehr die schlimmste aller Ängste darstellen sollte. Teenager aber finden Fred erwiesenermassen extrem lustig.

Wie gesagt, das ist ein Erklärungsversuch.